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Die Malteser in Konstanz

SÜDKURIER Konstanz: Nach dem Großeinsatz der Polizei am Konstanzer Jobcenter: Was passiert, wenn der Amokknopf gedrückt wird?

17.01.2018
Großeinsatz am Jobcenter in Konstanz: Rettungskräfte der Malteser und des Deutschen Roten Kreuzes, darunter viele Ehrenamtliche, waren vor Ort, um die Mitarbeiter des Jobcenters und die Kunden zu betreuen | Bild: Hanser

Nach dem Großeinsatz der Polizei am Konstanzer Jobcenter sind der Tatablauf und das Motiv des Mannes weitgehend aufgeklärt. Es war das erste Mal, dass im Jobcenter der Amokknopf gedrückt wurde.

Ein 39-jähriger Mann hat am Dienstagvormittag einen Großeinsatz mit rund 100 Einsatzkräften der Polizei im Jobcenter in der Konzilstraße ausgelöst. Er wurde nach knapp zweistündiger Fahndung entdeckt und festgenommen. Inzwischen ist auch das Motiv des Tatverdächtigen klarer. Ihm waren Unterstützungsgelder für Kleidung verweigert worden, weil dafür kein begründeter Anspruch bestand.

Der Mann ließ deshalb am Montagvormittag seinem Ansprechpartner im Jobcenter eine Email zukommen, in der er diesem Gewalt androhte, so die Polizei. Da mit dem Tatverdächtigen bereits ein weiterer Termin am kommenden Donnerstag vereinbart worden war, stand nach einer entsprechenden Information der Polizei eine sogenannte Gefährderansprache bevor. Der 39-Jährige suchte jedoch schon am Dienstag das Jobcenter auf, um seinen nicht berechtigten Forderungen Nachdruck zu verleihen. 

Der Tatablauf

Der 39-Jährige traf am Morgen auf eine Mitarbeiterin, die von der Drohung wusste, so die Polizei. Während eines Streitgesprächs zog der Tatverdächtige ein Taschenmesser, woraufin die Mitarbeiterin den Alarm auslöste. Der Mann trat daraufhin verärgert mit dem Fuß einen Stuhl um, verließ den Raum und unmittelbar darauf das Gebäude.

Die bedrohte Mitarbeiterin des Jobcenters wurde nicht verletzt, erlitt aber einen Schock und wurde in das Krankenhaus eingeliefert, konnte dieses jedoch schon wieder verlassen. 

Wie funktioniert der Amokalarm?

Es sei der erste Amokalarm im Jobcenter Konstanz gewesen, seit sie die Einrichtung leitet, erklärt Sabine Senne. Für den Notfall haben die Mitarbeiter zwei Knöpfe im Büro. Einer, der bei verbalen Bedrohungen andere Mitarbeiter informiert – und eben jenen Amok-Knopf, der auch gleich die Polizei mit alarmiert.

Wird im Jobcenter Amokalarm ausgelöst, schließen sich die Mitarbeiter mit ihren Kunden in den Büros ein. Unterdessen läuft bei der Meldung "Amok" in der Leitstelle der Polizei sofort das große Programm an – man geht immer vom Schlimmsten aus. Im Konstanzer Führungs- und Lagezentrum übernimmt dann ein Führungsstab die Koordination der Einsatzkräfte.

Polizisten sperrten den Verkehr in der Konzilstraße und die Gassen rund um das Jobcenter, die Hundestaffel war vor Ort und das Sondereinsatzkommando (SEK) angefordert, das jedoch nicht mehr eingesetzt werden musste. 

Feuerwehr und Einsatzkräfte der Rettungsdienste standen bereit. Da das Gebäude groß ist, wurden entsprechend viele Einsatzkräfte angefordert. "Das sieht dann natürlich gewaltig aus, sind aber eingespielte Abläufe bei einem Amokalarm", so Bernd Schmidt, Pressesprecher der Polizei.

Die Suche nach dem Verdächtigen

Nachdem die Polizei das Jobcenter durchsucht hatte, gab es von dem 39-Jährigen zunächst keine Spur. Gegen 12.40 Uhr nahm die Polizei den Mann schließlich beim Verlassen eines Wohngebäudes in der Innenstadt widerstandslos fest. Der Tatverdächtige wurde aufgrund psychischer Auffälligkeiten zwischenzeitlich in eine Fachklinik gebracht, berichtet die Polizei.

Als klar war, dass sich der Mann nicht mehr im Gebäude befindet und von ihm keine Gefahr ausgeht, konnten auch die Mitarbeiter und Besucher des Jobcenters das Gebäude verlassen. Die Evakuierung verlief ruhig und geordnet. "Ich denke, das ist alles gut gelaufen", resümiert Sabine Senne. Ein bis zwei Mal im Jahr gebe es Sicherheitsübungen und deshalb klare Anweisungen und Ablaufpläne im echten Notfall.

Nach dem Verlassen des Gebäudes und Zeugenbefragungen konnten die Mitarbeiter und Besucher nach Hause gehen oder wurden von Maltesern und Rotem Kreuz im Foyer des naheliegenden Stadttheaters betreut. 23 Rettungkräfte der Malteser und des Deutschen Roten Kreuzes, darunter viele Ehrenamtliche, waren vor Ort und betreuten nach eigenen Angaben 64 Besucher und Mitarbeiter.

Verriegelte Schultüren

Während des Großeinsatzes hatten das Humboldt- und das Ellenrieder-Gymnasium aufgrund der unsicheren Lage in der Innenstadt kurzfristig die Pforten von innen geschlossen und keine Schüler nach draußen gelassen. „Einige besorgte Eltern haben mich kontaktiert, also musste ich eine Sofortmaßnahme anordnen“, sagte Jürgen Kaz, geschäftsführender Schulleiter der weiterführenden Schulen und Leiter des Humboldt. Auch Hanna Schönfeld, Leiterin des Ellenrieder-Gymnasiums, entschloss sich zu dieser Maßnahme, „doch wir öffneten die Türen nach einer ersten Entwarnung der Polizei wieder“.

Während des Einsatzes sei Oberbürgermeister Burchardt mit der Polizei in ständigem Kontakt gestanden. Auch das Bürgeramt habe die Einsatzkräfte tatkräftig vor Ort unterstützt. Burchardt bedankte sich bei allen, die beim Großeinsatz beteiligt waren.

„Der Amok-Alarm hat uns große Sorgen bereitet. Ich bin sehr froh, dass die Polizei bald Entwarnung geben konnte und nichts Schlimmeres passiert ist. Ich wünsche allen, die Angst und Schrecken erleiden mussten, dass sie das Erlebte schnell verarbeiten können. Ich bedanke mich bei den Einsatzkräften für ihr schnelles Handeln und bei allen anderen, die in dieser Situation geholfen haben. Wir sind froh, dass wir uns auf Sie verlassen können.“ 

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