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Die Malteser in Konstanz

SÜDKURIER Konstanz: „Es geht um Geborgenheit“

04.08.2015
Marion Götz möchte demenzkranken Menschen und ihren Angehörigen dabei helfen, besser mit der Krankheit umzugehen. Davon erzählt sie SÜDKURIER-Mitarbeiterin Kirsten Schlüter. Bild: Aurelia scherrer

Auf einen Kaffee mit Marion Götz, die im Restaurant des Malteser Seniorenzentrums über den Umgang mit Demenzkranken spricht.

Frau Götz, Demenz ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Wie reagieren die Malteser darauf?

Wir befassen und schon lange damit, denn demenziell veränderte Menschen sind unsere Hauptkunden. Wir schulen alle Mitarbeiter, auch zum Beispiel die Fahrer im Fahrdienst. Sie lernen, wie sie damit umgehen können, wenn jemand dreimal hintereinander dasselbe fragt. Außerdem bieten wir zweimal in der Woche in unserem Café Malta im Wollmatinger Seniorenzentrum Nachmittage für Demenzkranke an. Dabei kümmert sich jeweils ein Mitarbeiter um zwei Betroffene. Die Nachmittage haben ein Thema, neulich war es der Garten. Wir dekorieren den Raum und sprechen alle Sinne an. Die Besucher können zum Beispiel Kräuter schmecken. Sie haben ganz verschiedene Stadien der Demenz und genießen das Beisammensein sehr.

Sie haben sich zur Silviahemmet-Trainerin ausbilden lassen. Was ist das?

Königin Silvia von Schweden hatte eine demenziell veränderte Mutter und gründete aus persönlicher Betroffenheit eine Stiftung, bei der auch Schulungen angeboten werden. Sie dient der Forschung über Demenz. Zusätzlich sind Schulungen im Programm. Außerdem betreibt Silviahemmet in Stockholm eine Tagesstätte für Demenzkranke. Ich habe mich in Deutschland und Schweden fortgebildet und eine Prüfung abgelegt. Es ging um das Leben und den Umgang mit den Kranken, um die Angehörigen und um Kommunikation zwischen den verschiedenen Fachkräften. Außerdem haben wir uns den Tagestreff in Stockholm angeschaut, der im Grünen liegt und optimal ausgestattet ist. Jetzt darf ich selbst Menschen im Umgang mit Demenzkranken schulen.

Was haben Sie von der Weiterbildung mitgenommen?

Silviahemmet ist kein neues oder revolutionäres Konzept, sondern es geht darum, sich auf den einzelnen Menschen zu konzentrieren. Nicht für jeden ist Gedächtnistraining nützlich, manche brauchen eher Bewegung oder Ruhe. Beeindruckt hat mich in Stockholm, dass selbst die Taxifahrer geschult wurden, die die demenzkranken Menschen gefahren haben. Ein Fahrer war wohl zu früh dran und hat nicht direkt vor dem Tagestreff gewartet, sondern ein paar Meter weiter weg. Somit konnte der Fahrgast ganz in Ruhe zur vereinbarten Zeit ins Taxi steigen. Hätte er das Auto schon vorher gesehen, hätte er wahrscheinlich gesagt, dass er sofort nach Hause will. Außerdem finde ich toll, dass es im Stockholmer Tagestreff keine festgelegten Tagesabläufe gibt. An einem Tag saßen die Menschen eine halbe Stunde lang beim Frühstück, am nächsten Tag waren es eineinhalb Stunden, weil das Beisammensein gerade gut tat. Die Demenzkranken können dort auch beim Kochen oder im Garten helfen. Das ist wichtig, damit ein gewisses Maß an Alltag erhalten bleibt.

Viele Leute denken sicher, dass Demenzkranke ohnehin wenig erinnern und man sich daher jede Anstrengung sparen kann, oder?

So denken tatsächlich noch viele. Deswegen finde ich die Rückmeldung einer Tochter toll, deren Mutter in unser Café Malta kommt. Die Mutter hat ein sehr schlechtes Kurzzeitgedächtnis und weiß abends nicht mehr, welchen Kuchen sie bei uns gegessen oder welches Spiel sie gespielt hat. Aber sie freut sich jedes Mal, wenn die Tochter sagt, dass die Malteser sie gleich wieder abholen. Es geht um das gute Gefühl. Bei uns sagt niemand: ‚Bleib sitzen, weil sonst etwas kaputt geht‘ oder ‚Ich mache das schnell selbst, es dauert sonst zu lang.‘ Wobei ich verstehe, dass Angehörige manchmal so reagieren, weil sie ihren Alltag, oft mit Kindern und Beruf, bewältigen müssen. Deshalb ist es gut, dass Silviahemmet die Angehörigen stark im Blick hat.

Was haben Sie von dem Gelernten schon in Konstanz umgesetzt?

Wir haben das Café Malta umgestaltet und zum Beispiel rote Rahmen um Türen und Lichtschalter gemalt, damit die Besucher sie besser erkennen. Außerdem schulen wir vermehrt Außenstehende. Wir sind am Einzelhandel dran, und im Oktober gebe ich eine Schulung gemeinsam mit der Volkshochschule. die Seniorenresidenz Tertianum möchte alle Mitarbeiter bis hin zur Reinigungskraft schulen.

Was lernt eine Reinigungskraft dabei?

Sie lernt zunächst, dass Demenz eine Erkrankung des Gehirns ist und dass Betroffene immer mehr Erinnerungen verlieren. Deshalb hilft es nichts, wenn sie einem Bewohner, der nach Hause möchte, sagt: ‚Sie wohnen doch jetzt hier im Pflegeheim.‘ Demenziell Erkrankte verstehen das nicht mehr, auch wenn man es noch so oft wiederholt. Die Reinigungskraft könnte den Bewohner in sein Zimmer führen und ihm seine eigenen Möbel und Bilder zeigen, damit er von selbst begreift, dass er hier gut aufgehoben ist. Das Zuhause verbinden die Menschen nicht mit einem Ort, sondern mit dem Gefühl der Geborgenheit. In der Schulung lernen die Teilnehmer zu verstehen, dass Erkrankte immer mehr in ihre eigene Welt verschwinden. Standardantworten auf bestimmte Fragen der Erkrankten gibt es nicht, die Angehörigen oder Pflegekräfte müssen sich in den Menschen einfühlen.

Geduld ist sicher eine der schwierigsten Anforderungen im Umgang mit Demenzkranken.

Ja, das stimmt. Deshalb sollten Angehörige und Erkrankte sich am Anfang einmal genug Zeit nehmen und ausprobieren, wie das Zusammensein am besten funktioniert. So gibt man den Demenzkranken Sicherheit und gewinnt wieder Zeit für den Alltag. Sehr gut kann es funktionieren, wenn ein Paar zusammenlebt, bei dem einer von beiden betroffen ist. Diese Paare leben oft im Tempo des Erkrankten und erledigen alles gemeinsam, so lange wie das auch dauern mag. Für den Gesunden ist das aber auch schwierig, er hat ja selbst Bedürfnisse. Deshalb ist es so wichtig, dass Pflegende sich Entlastung suchen und nicht denken, dass sie den Partner dann abschieben. Es muss ja nicht immer gleich ein Pflegeheim sein. Oft hilft es schon, wenn ein Pflegedienst nach Hause kommt, um den Erkrankten zu duschen. Denn nicht immer mag es der kranke Vater, wenn die Tochter ihn wäscht. Oder wenn die älteren Menschen ab und zu ins Seniorenzentrum kommen, damit die Angehörigen ein paar Stunden Entlastung haben.

Können Gesunde das überhaupt?

Das sind immer nur Modelle, wie wir uns Demenz vorstellen. Ich zeige bei Schulungen einen Film, der verschwommen ist, denn manche Erkrankten sehen nicht mehr scharf. Und ich sage den Angehörigen oder dem Personal oft, dass sie sich vorstellen sollen, in Shanghai auf dem Flughafen zu stehen und nach Hause zu wollen. Sie können kein Schild lesen und sich auch nicht verständlich machen, weil niemand ihre Sprache spricht. Dann ist es verständlich, warum manche demenziell veränderten Menschen auch mal aggressiv werden – wobei ich dieses Wort nicht mag. Die Erkrankten sind oft überfordert. Manche setzen sich still in eine Ecke und warten, bis jemand ihnen hilft. Andere werden laut, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen.

Kinder verhalten sich ja oft ähnlich.

Das stimmt, aber es gibt doch gravierende Unterschiede. Kindern spricht man so lange etwas vor, bis sie es selbst sagen können. Sie lernen dazu, während alte Menschen immer mehr abbauen. Da hilft das Vorsagen nichts mehr. Deshalb sollte man mit demenziell Erkrankten auch nicht umgehen wie mit kleinen Kindern.

Haben Sie selbst Angst vor dem Alter?

Eigentlich nicht. Es ist eher die Frage, wer mir später helfen kann. Ich habe zwar zwei Kinder, aber wer weiß, wo die leben, wenn ich Hilfe brauche. Ich denke, so lange im Ernstfall alle nett zu mir sind, wird es gut gehen.

Zur Person

Marion Götz ist 47 Jahre alt und stammt aus Tuttlingen. 1987 kam sie für ihre Ausbildung zur Krankenschwester nach Konstanz, hat hier ihren Mann kennen gelernt und ist geblieben. Gearbeitet hat sie im Kantonsspital Münsterlingen, in Arztpraxen und dem Vincentiuskrankenhaus. Seit drei Jahren leitet Marion Götz die sozialpflegerische Ausbildung der Malteser Bodensee sowie den Be- und Entlastungsdienst. Sie hat zwei Kinder (17 und 19 Jahre). In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Heilpflanzen und ihrem Garten. (kis)

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