Navigation
Die Malteser in Konstanz

SÜDKURIER: Rettungsdienst im Umbruch: Innenministerium prüft schnellere Rettungszeiten

05.03.2018
Ein Rettungswagen fährt mit Blaulicht durch eine Straße. Die Landesregierung will die Notfallrettung schneller machen. Nach wie vor erreicht ein Teil der Helfer nicht im Rahmen der 15-minütigen Hilfsfrist Menschen in Not. | Bild: dpa

Das baden-württembergische Innenministerium macht Tempo beim Umbau des Rettungsdienstes.

Noch in diesem Jahr sollen vier ärztliche Leiter bei den Regierungspräsidien eingesetzt werden, die die medizinische Fachaufsicht übernehmen, wie Innenstaatssekretär Martin Jäger (CDU) am Freitag in Stuttgart mitteilte. Bislang gebe es so etwas nicht. Seit Jahren wird über den Zustand des Rettungsdiensts diskutiert, weil nicht überall die gesetzlichen Hilfefristen eingehalten werden. Deshalb veranstaltete das Innenministerium ein entsprechendes Fachsymposium. Ein Sprecher der AOK Baden-Württemberg sagte: „Die Bearbeitung eines Notrufs sowie die Disposition der Rettungsfahrzeuge müssen in einer Minute ablaufen können.“ Derzeit seien für Notruf und Disposition in den Rettungsleitstellen Zeiten von bis zu drei Minuten keine Seltenheit. Auch die Ausrückzeit der Fahrzeuge sei auf maximal zwei Minuten reduzierbar. Nach der Anmeldung eines Notfalltransports in der Klinik müsse dort das Aufnahmeteam bereitstehen und die Übergabe und Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft müsse innerhalb 15 Minuten erfolgen.

Nach Angaben des Innenministeriums erreichen die Rettungswagen im Schnitt nach rund sieben Minuten den Patienten. Aber nicht in allen Landesbereichen werden die zeitlichen Vorgaben des Rettungsdienstgesetzes eingehalten. Demnach sollen Notarzt und Rettungswagen in 95 Prozent der Einsätze in höchstens 15 Minuten am Notfallort eintreffen.

Baden-Württemberg hat nach Angaben des baden-württembergischen Innenministeriums „die höchsten Vorgaben bei der Hilfefrist und mit der Stelle für Qualitätssicherung den höchsten Qualitätsstandard“. Dennoch bestehe „weiterer Verbesserungsbedarf“, heißt es in einem Schreiben von Staatssekretär Martin Jäger, das dem SÜDKURIER vorliegt. Anlass des Schreibens an die Mandatsträger war die Diskussion über die Notfallrettung am Hochrhein, die sich infolge der Schließung des Spitals in Bad Säckingen verschärft hat. So müssen die Menschen im Landkreis Waldshut bei Notfällen länger auf medizinische Hilfe warten als andernorts. Der Rettungswagen benötigt nach Recherchen des Südwestrundfunks beispielsweise bis zu 20 Minuten nach Herrischried, bis zu 23 Minuten nach Görwihl und mehr als 23 Minuten bis nach Todtmoos. Im Landkreis Waldshut wurden die Hilfsfristen demnach in 87 Prozent der Fälle eingehalten, was schon eine Verbesserung gegenüber 2015 (mit 81 Prozent) war. Im Bereich Waldshut setzt das Innenministerium auf eine Verbesserung der sogenannten Bodenrettung. Der Landkreis verfüge bereits über „eine der höchsten Hubschrauberdichten im Land“.

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) will den Rettungsdienst in maßgeblichen Punkten neu aufstellen. So ist unter anderem die Leitstellenstruktur in der Prüfung. Der AOK-Sprecher sagte, die Zahl der Notrufleitstellen sollte von 33 auf 12 oder sogar 8 reduziert werden. Jede Rettungsleitstelle sollte mindestens für eine Million Einwohner zuständig sein. Hermann Schröder, Abteilungsleiter für Bevölkerungsschutz beim Innenministerium, sagte, ein Konzept für die Leitstellen werde gerade erarbeitet. Wichtig sei vor allem eine Vernetzung der Einrichtungen.

Strobl spricht sich zudem für eine Trennung von Notfallrettung und Krankentransporten aus. Diese Forderung wird von der AOK unterstützt. Abteilungsleiter Schröder sagte: „Wir wollen nicht, dass die Patienten vier bis acht Stunden beim Arzt oder im Krankenhaus warten, bis der Transport läuft.“ Die oppositionelle FDP forderte eine ausreichende Finanzierung der Krankenhaustransporte.

Nach Einschätzung der Fachleute wird der Rettungsdienst auch immer häufiger wegen Bagatellen gerufen. Die Schätzungen liegen zwischen 20 und mehr als 50 Prozent der Fälle, wie ein Sprecher vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) erklärte. „Wir haben beobachtet, dass die Verunsicherung bei den Patienten in den vergangenen Jahren gewachsen ist, vor allem wenn der Hausarzt nicht zu erreichen ist.“

Matthias Helm, Leitender Arzt der Sektion Notfallmedizin vom Bundeswehrkrankenhaus in Ulm, sagte: „Wenn heute einer hinfällt und sich den Finger bricht, ruft er gleich den Rettungswagen. Früher wäre man ins Krankenhaus gefahren.“ Helm sagte, die sogenannte Hilfefrist sei nicht das Maß aller Dinge. Die Wege seien auch länger geworden. Zum einem gibt es ihm zufolge weniger Kliniken und zum anderen nehmen nicht mehr so viele an der Notfallversorgung teil wie früher.

Rettung im Südwesten

Im baden-württembergischen Rettungsdienst arbeiten 10 000 Menschen. Pro Jahr werden etwa 1,3 Millionen Einsätze allein in der Notfallrettung am Boden gefahren. Hinzu kommen 800 000 Krankentransporte sowie 10 000 Einsätze der Luftrettung. Diese Einsätze leisten die Hilfsorganisationen an 270 Rettungswachen mit bis zu 400 Rettungswagen sowie an 170 Notarztstandorten mit 180 Rettungsfahrzeugen und 8 Hubschraubern, bei denen ein Notarzt an Bord ist. Im Südwesten sind unter anderem das Deutsche Rote Kreuz, die Malteser, die Johanniter sowie der Arbeiter-Samariter-Bund in der Notrettung engagiert. (dpa)

Online Spenden

Weitere Informationen

Unser Spendenkonto: Malteser Hilfsdienst e.V.  |  Pax-Bank  |  IBAN: DE53370601201201207289  |  BIC / S.W.I.F.T: GENODED1PA7